Der Sonnenkönig und der Menschensohn

Kürzlich war ich mit meiner Frau in Versailles, um das Schloss und die Gärten zu besichtigen. Allen Paris-Urlaubern empfehle ich den Abstecher: Es lohnt sich. Das Schloss ist mehr als beeindruckend groß und pompös. Die endlos vielen Säle sind edel ausstaffiert und voll von Büsten und übergroßen Gemälden. Der riesige Spiegelsaal mit seinen Skulpturen, Kronleuchtern, Spiegeln und Deckengemälden lässt einen auch heute noch den Glanz alter Zeiten spüren. Die Parkanlage steht in Dimension und Schönheit dem Palast in nichts nach. Hunderte verschiedener Bäume, Blumenbeete, Lustgärten, Pavillons, eine Orangerie, Kolonnaden, Skulpturen, eine Grotte, zahlreiche Teiche, einen Kanal und natürlich viele Springbrunnen sind auf dem immer noch über 800 Hektar großen Gelände zu entdecken. In der Blütezeit von Versailles waren die Gärten oft Schauplatz von Festen und Feiern. Die Besucher wurden mit Schauspielen, Musik und Feuerwerken verwöhnt. Sogar Seespektakel wurden nachgestellt, bei denen Schiffe mit Kanonen und Feuerwerkskörpern ausgestattet waren. Auf dem großen Kanal fuhren auch Gondeln, die Ludwig XIV. eigens aus Italien mitgebracht hatte.

Alles überwältigend groß und schön. Aber das Staunen und Genießen der gebauten und gepflanzten Schönheit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass all die Pracht und der Prunk ein maßloser Ausdruck von Machtgier und Genusssucht ist, durch skrupellose Ausbeutung geschaffen, exklusiv für eine adlige Elite. Ludwig XIV. inszenierte sich als Sonnenkönig. Wie die Planeten um die Sonne kreisen, sollte alles sich nur um ihn drehen – um ihn, den „König von Gottes Gnaden“, der selbstverständlich auch Herr über Religion und Recht war, als Gesetzgeber und oberster Richter natürlich selbst über dem Recht stand und als König durchregieren konnte. Er war ein absoluter Herrscher, der in unglaublichem Luxus lebte, während sein Volk unter Steuern und Ausbeutung litt.

Am Abend unseres Besuchs in Versailles lese ich den Wochenspruch für die vorletzte Woche vor dem Osterfest:

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,28)

So redet Jesus über sich selbst. Was für ein Kontrast!

Auf der einen Seite ein Mensch, der sich zum Halbgott stilisiert und selbstverliebt und gut bewacht in seinem Wellness-Ressort bedienen lässt. Auf der anderen Seite Gott, der in Jesus Christus Mensch wird und sich unters Volk mischt, um den Mühseligen und Beladenen, den Kranken und Ausgegrenzten zu dienen und ihnen Vergebung und die Liebe Gottes zuzusprechen. Ganz ohne Pomp, Machtanspruch und Starallüren. Weit weg von jeglicher Komfortzone. Im Gegenteil: Jesus hat sein eigenes Leben eingesetzt, um die Menschheit aus ihrer Gottferne zu erlösen.

Was für ein Gott ist das? Ihn feiern Christen an Karfreitag und Ostern. Und freuen sich über seinen Sieg über alles Böse und Todbringende. Tragen die Vision und Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem, der Stadt Gottes, die Versailles bei weitem in den Schatten stellen wird und in der Gott mitten unter seinen geliebten Menschen leben wird, im Herzen. Und im Alltag will Christus ihnen die Richtung vorgeben: Christsein bedeutet, in Jesu Fußstapfen Menschen zu dienen und so die Welt zu verwandeln. Wo das geschieht, entsteht eine österliche Schönheit und ein Hauch von Auferstehung und Erlösung kommt in unsere unerlöste Welt.

Text von Norbert Aufrecht (Vorstand Diakonische Theologie, Ev. Stadtmission Freiburg e.V.)